Nie hat Karl Marx Chemnitz besucht. Die Stadt, die von 1953 bis 1990 seinen Namen trug. Trotzdem bleibt der große Philosoph, Ökonom und Journalist, der die Arbeiterbewegung und die Gesellschaft prägte, aktuell. Auch der Stadtname Karl-Marx-Stadt lebt nicht nur in Geschichtsbüchern und auf den Personalausweisen der hier zu DDR-Zeiten Geborenen weiter. Er lebt zum Beispiel im Titel einer Interessengemeinschaft, die sich der Pflege des Kulturguts Trabants verschrieben hat: der Trabant-Freunde Karl-Marx-Stadt.
Kein Verein, kein Klub, kein Chef – dennoch bilden die 35 Mitglieder und ihre Familien eine verschworene Truppe. Wo man sich mit ihnen treffen kann, um die Interessengemeinschaft kennenzulernen, Fotos zu schießen und den Text für einen Supertrabi-Beitrag zu recherchieren? Natürlich bei Karl Marx! Genau gesagt, vor seinem gewaltigen Denkmal-Kopf an der Chemnitzer Brückenstraße, vormals Karl-Marx-Allee. Vorm 1971 eingeweihten Karl-Marx-Monument, das der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel schuf – dem fast größten Marx-Denkmal der Welt. (Nach dem wenig höheren in der burjatischen Hauptstadt Ulan-Ude, also im russischen Fernen Osten.) Mit Sockel dreizehn Meter, pur immerhin gut sieben Meter in der Höhe misst die rund vierzig Tonnen schwere Plastik. Der „Nischel”, wie der Sachse den Riesenkopf gerne nennt.
Familientreffen am „Nischel”
Am Plattenbau dahinter, seinerzeit Sitz der SED-Bezirksleitung und heute Finanzbehörde, steht in großen Lettern „Proletarier aller Länder vereinigt euch!” geschrieben. Die zündende Idee aus Marx’ und Engels’ Kommunistischem Manifest von 1848. In den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch. Soweit zum Hintergrund.
Wir treffen uns also am letzten Sonntag im September. Alle zu versammeln klappte zwar nicht, doch immerhin 14 der 21 Trabis werden vorm Karl-Marx-Monument postiert. Gar nicht so einfach. Es dauert mit den Fotos, denn sofort strömen Menschen herbei. Löchern die Trabi-Fans mit tausend Fragen, wollen mal am Steuer sitzen, unter die Haube gucken, selber mal den Tankfüllstand mit dem Plastestab messen… Chemnitz ist 2025 (zusammen mit dem italienisch-slowenischen Doppel-Ort Gorizia / Nova Gorica) europäische Kulturhauptstadt, darum schlendern an jenem 28. September deutlich mehr Leute als sonst durchs Zentrum der Industriestadt. Alle sind nett und wissbegierig. Überrascht und glücklich, derart viele Trabis vorm „Nischel” zu sehen. Eine Stunde fliegt weg wie nix, dann endlich öffnet sich ein Zeitfenster. Jetzt aber los: Fotoshooting!
„Große Jungs brauchen großes Spielzeug”
Die Trabant-Freunde neben und vor ihren Autos. Einzelporträts. Dann die Mädels aus dem Team extra… In der Nacht zuvor gab es ein Musikkonzert vorm Marx-Kopf, ein dicker Container steht noch rum. „Der muss raus aus dem Bild! Das müsst Ihr retuschieren, ehe das in die Supertrabi kommt!” Versprochen, ich sage es der Grafikerin. Nun noch rasch das Interview, ehe die ersten heimfahren. Falk Kunadt, mit 63 der Älteste in der Runde, fängt an, erzählt: „35 Mitstreiter haben wir, der Fuhrpark ist 21 Trabis stark. Die meisten kommen aus Chemnitz, manche aus dem Erzgebirge, zwei aus Werdau bei Zwickau.” Warum die Trabant-Freunde Karl-Marx-Stadt im Namen haben? Karl-Marx-Stadt mit dem Barkas-Motorenwerk und seinen Forschungsinstituten war Trabant-Stadt. „Das ist unsere Geschichte. Hier gab es sehr, sehr viele Trabis auf den Straßen und der Name von Karl Marx steht für die Zeit in der DDR, für eines der großen Industriezentren der Republik”, sagt Falk und schildert, wie er 1971 als Kind die Einweihung des Monuments erlebte: „Ich wohnte seit der 2. Klasse in Karl-Marx-Stadt. Mit der Schule waren wir bei dem Ereignis dabei. Ein Riesenbahnhof damals! Auch später, etwa am 1. Mai, gab es hier große Kundgebungen.” Warum er 2025 weiter Trabant fährt? „Große Jungs brauchen großes Spielzeug. Die Leute freuen sich, wenn sie das Auto auf der Straße sehen. Und hier in dieser guten Truppe macht das Hobby noch mehr Spaß.”
Beim Schrauben vor der Garage fing es an
Nächstes Jahr besteht die Gemeinschaft dreißig Jahre. Tino, Jörg und Thomas trafen sich regelmäßig an ihren Garagen an der Neefestraße 7. 2006 beschloss das Trio, zusammen mit den Familien eine Gruppe zu gründen, die auch neben der Fahrzeugleidenschaft gemeinsam etwas unternimmt. Nach und nach stießen weitere Trabi-Fans dazu.
„Wir schrauben im Team, helfen einander bei allem rund um unsere Autos. Aber wir feiern auch zusammen, fahren zu Treffen oder raus ins Grüne”, erzählen die Gründer. Seit 25 Jahren reisen alle traditionell mit den Familien für eine Woche in den Spreewald. In diesem Jahr waren die Chemnitzer unter anderem bei den Treffen Ende August in Zwickau und im September in Culitzsch, ein Familienausflug führte zum Bergbaumuseum Pferdegöpel nach Lauta bei Marienberg.
Marx hätte Spaß an dieser Truppe
Nicht nur geborene Karl-Marx-Städter beziehungsweise Chemnitzer fühlen sich bei den Trabant-Freunden wohl, sogar ein Hamburger fand hier eine neue Heimat: „Michel” Asbahr zog samt seinem Trabi aus der Hansestadt nach Sachsen, nach Chemnitz-Einsiedel. Seit drei Jahren ist die Familie in dem Team aktiv.
Übrigens, auch der Name Karl ist seit Kurzem vertreten. Mit fünfzehn Monaten ist der Sohnemann von Sandra und Sven Koppe das jüngste Mitglied. Little Karli vorm Big Karl. Karl Marx hätte seine Freude daran, genauso wie an den schmucken Trabis und ihren Freunden vor seinem „Nischel”.